Unter mehreren Schichten eines Gehäuses, dort wo sich Räumlichkeiten befinden, füllend das Ambiente, ein Sprechzimmer. Was gesagt wird, eine Luftbewegung hoher Geschwindigkeit, zwischen Lippen hervor, die sich kurz öffnen.

"Ihre Verfassung ist nicht die beste."

Frage, das? Feststellung - entsprechend einer Einteilung? Diese Form der Annäherung, ein Versuch den Teppich wegzuziehen? Rauchschwaden am Horizont wie immer, wohin man sieht, bis zu den Hüften Menschen verdeckend, Wolkenbänke, welche dunkel getönt. Neu das, steht die Panzerwand vor dem Fenster, das Fenster davor, oder ... Ich bin nicht mehr zwanzig, keineswegs. Deine Konstitution ist (bei Gott) vernebelt, dazu braucht es keinen Doktor, keine Medizin, keine Untersuchung.

Ein Lächeln gleichzeitig, ein sorgenvolles Lächeln oder nur die Andeutung so eines Lächelns - sich die Augen reiben - das Hinspielen auf ein Grinsen exakterweise, Genauigkeit eben. Das Böse auf der Leinwand vor dem Fenster, geschlossen und blockbreit, all die Besessenen, verzerrte Drogengesichter, brüllend und farbsüchtig, Massenmörder, der Einfachheit halber, ebenso ihre Physiognomie (ausgeprägte Asymmetrieen) eine Wiederholung, Erinnerung, Frauenzimmer im Liebeswahn, was sonst, im allgemeinen Bildgeschichten des Irren, schier Unverbesserlichen, das schreckt und reizt. Man hat eine Vorstellung, man findet sie bestätigt, das Leben ... tatsächlich fahle, fade Masken ähnlicher Fertigung, verwechselbarer Prägung, die eins trifft während des Schachteldaseins (ohne das Wort Krieg, wenigstens) alltäglich mehr, daß Freud und Leid nicht unterscheidbar sind, auf den ersten Blick, weil sie so einfach nicht vorkommen, und - es passiert nichts - der Wunsch nach Abenteuer blieb ihm, die Lockungen eines Gefährlichen, von dem er gehört hatte, früher, ein Kämpfer zu sein etwa, ich könnte, ich wäre, ich sei der Krieger, der richtige Soldat, das ehrhaft Leuchtende, sei der Partisan, der Letzte aus den Wäldern, sei der Polizist, das Faustrevolverding der Gerechtigkeit, gut mithin irgendwo und Held endlich, ein Mann, den Ausnahmezustand im Kopf, außergewöhnlich dort, tun, was man sich nie traut, tun, was man sich und uns verbietet, tun ohne Rücksicht, im Dienst eines Höheren, Spaß haben dabei und ein Schwein zu sein, im dunklen Saal zwischen dem einmütigen Atem und Plastikgeraschel, wenn es oben los geht, Träume zum Greifen, einmal ...

Das Grinsen da in den Mundwinkeln mischte sich mit einem lang geübten väterlichen Ausdruck, auf unglaubliche Weise untergeschoben unter den Lehmabdruck von Staatsgründerstandbildern, das wird aufgerichtet, starrt penetrant von der Klassenzimmerwand, Grundsteinlegerphotographien ins Gelbliche schlagend, markiert von daumengroßen, ovalen Messingtäfelchen einer Jahreszahl - die Verantwortung der ganzen Welt - der Welt unter dem Hut, zuhalten, wie sie sagen, und sich übers Jetzt hinaus der Zukunft bemächtigen (daher Kaninchen) bewußt schaffen, was durch die Finger rinnt, Pathos natürlich und meine Uberzeugung, daß es schlimm sei. Weitblick jawohl, wie heute gewußt wird in doxologischen Kreisen und sonst aktuell - der Friede, die Zukunft, das Universum - aber ernst, todernst, mannsernst, eine ernste Sache, verdammt nochmal, das jedenfalls.

Der Kopf einer Familie auf den Familienbildern zum Jahreswechsel, anläßlich, stehend, einstehend, verstehend mein geliebter Kerkermeister, darüber oben, Erhalter, rechts unten die Frau von ihm, rotwangig, hausgehalten und etwas bleich, eine dankbare, unsichtbare Säule, links unten der Sohn von ihm, linkischer Rekrut in metertiefen Fußstapfen, eine ungewisse Option, dieses Ohrfeigengesicht, ein Usurpator gar, davor Töchterchen von ihm mit zwei Zöpfen links und rechts, adrettes Objekt neuer Begierden, ein Putzipupp. Das platte Rechteck silberbromiden Vollglücks, Erinnerungsstück einerseits und der Beweis, daß damals alles aufs beste gewesen sei, ist, war, zu dieser Zeit ... ihm dieses verglaste Geschenk, handgestickt, dem Gipfel und Haupt, eine Krönung, meine Lieben, bildlich mit Tränen und habt Dank, ihr Alle, ihr Guten, meinen Dank.

Wieder der Ausdruck, vertrauenserweckend sollte er wirken, eine Beschwörungsformel, als solche gilt, dank einer Tradition von Gesten des Überspannenden und der immerwährenden Gefaßtheit, der Zauberspruch, mit ruhiger, fester, voller Stimme sprechend kündend eher, wir sind, wir haben, wir werden, wir müssen mit aller Kraft. Der Hoffnung und ein Besseres verspricht wie Arbeitsplätze und Erlösung, Sorgen und Verlustziffern bespricht wie Warzen, mit jenen bemühten Floskeln und Phrasen, jawohl, dem heimlichen Verweis auf einen mächtigen Gegner, mit welchem er nachtens ringe, eine Langzeitmagie und das offene Buch, in dem gelesen zu haben gemunkelt wird. Ich weiß etwas was du nicht weißt und das ist mehr, dieser Punkt, wer, wenn nicht er?

Gebannt erzittert eins zu Füßen der Bühne glaubend, es wird schon, werde schon, bitte! Schon noch, nicht?

Dazu ausdrücklich einer Papsthülse mitleidig milchigmilder Augenschlag, ohne zu berühren, keine Überraschung in der Leere, gelangweilte Weite und eine Spur Abfälligkeit, ich kenne das zu gut, ein Gewöhnliches wie es stiert, ekelhaft, Sklaven und Hundeblicke, du, das älteste Haustier. Naheliegende Deutung des Hingeworfenen nun, daß Schreckliches über unseren Zustand, über unser Weiters ihm längst zur Kenntnis sein müsse, dem Arzt, der sich nichts anmerken läßt, mir war alles klar, nie etwas, grundsätzlich nicht, das wußte ich, aus der Tragweite, Schwere, die Abmessungen und hm ... sonst
war er Arzt und Offizier, beidseitig mit beiden Füßen, Händen voll, was ein ganz logisches Prinzip wäre, da alle ein Spiegelbild in Uniform zu sein haben, höre ich den Gewitterregen und stürmische Winde am Laden rütteln, an den Dachrinnen, welche von schmutzigem Laub und Vogelmist verstopft sind. Bereitschaft will er sagen Potenzialitäten, die kosten und Zins kalben, bilateral erläutert. Trotzdem, beim stählernen Geländespiel bleibt das Tötungskalkül so unbenannt nicht, nötige doch ein Bauchschuß zwei Sanitäter und die Wiederherstellung des Feindes Kassen. Kampfwert fasziniere zudem, wenn's kracht, laut, lauter, für Arzt und Offizier, wir beide proben uns an über den Haufen geballerten Schweinen, der Analogie wegen des apparatus digestorius zum Beispiel, vor dem Essen.

Schreckliches eben, schrecklicher als man zu vermuten wagen würde, wenn ein äußerst vager Schmerz, ein Irgendwas da drinnen uns die Hinfälligkeit, Endlichkeit, das Ablaufen der Lebensuhr ticktack erinnert, Schweißtreiberei, Sandkörner schwindend und Flackerlicht förmlich fühlbar wider den großen Glauben, welcher mir versicherte, kaufte und verkaufte, risikobremsend zahlte, Tod und lnvalidität zu kapitalisieren. Immer jung dagegen, wie ich mich fühle, und dann Dinge, die man sich nicht einmal ausdenken kann, könnte, wenn man wollte, die man einfach nicht ahnen kann, weil es ja schlimmer komme, noch schlimmer, jenseits jeder gekreuzigten Vorstellungskraft, unabänderlich ...

Die Angst dann vor den unaussprechlichen Namen von Krankheiten, Abzeichen einer hypochondrischen Elite, worauf du hättest verzichten können, eure Orden wie Folterwörter der Einbildung, tubulovaskuläres Syndrom, Psoriasis guttata, das Grausen kryptischer Inschriften hier, simple Einsilber wie Hagelkörner dort, Schlag, Krebs, Sucht, ereilend vor der Zeit,

Blütezeit, Wolkenbruch, Wettersturz, Winterfrost, Punkt oder weniger, völlig unvermutet die Unterbrechung, man stelle sich einmal vor, Leiden, welche ewig unbemerkt bleiben, etwas zu haben, irgendwo einen blinden Passagier zwischen den Kisten, eine Zeitbombe im Gepäckraum ... unausweichlich ... plötzlich wird Gewißheit, daß deine Sehschwäche, seit Pflichtschultagen durch Brillentragen vor Augen, elementar beinahe gleich Geburtsdaten und der Vorliebe für warmen Krautsalat, Grund tastender Hände, reibender Fingerkuppen, geröteter Nasenwurzeln, verkniffener Mimik, die lachen ließ, nichts sein kann nichts als der Vorbote, das eindeutige Vorzeichen unheilbar aufziehender Blindheit, der Star, ich seh's, man sieht's nicht, aber ich seh's, dieser Vogelschlag im Netz, ein Flattern, ein Schwarm des Herbstes plötzlich, immer schon, wird Dunkelheit erwartet, gesichtslose Schwärze, tappen in einer farblosen Nacht, ohne Mond, zu schweigen von den Sonnen, den hellen, spendenden, auf Augustfeldern, die wir nur noch im Geruch von gedörrten, verbrannten Sommerlandschaften und in der klebrigen Schwüle eines Großstadtjuli wiedererkennen werden, durchtränkte Kunststoffhemden und Fahnen von Sonnenschutzmittel, heißer Staub um die Knöchel oder weich dünstender Asphalt. Kein Licht mehr, nur der Geschmack des Lichts, das Geräusch des Lichts auch als dürftiger Hinweis.

Momentan von tanzenden Phantasmagorien bedrängt, von Familienbanden heimgesucht, daß nämlich beide Großeltern väterlicherseits und ein Onkel mütterlicherseits, daß nämlich kürzlich eine Tante um die vierzig, daß Zwangssterilisation und erblicher Alkoholismus ... momentan in schadhafte, schädliche, kleinste Teilchen zersplittert, Einzelstücke des feindseligen, verräterischen Körpers eines Anderen, irreparabel, irreponibel, ein Ausfall und Abfall, man spüre bereits die Gelenkflüssigkeit versickern, das qualvolle Reiben trockener Knorpel, Knochen aneinander, die losbrechende Meldungsflut der Schmerzrezeptoren bei kleinster Bewegung, jeden Reiz wie Blitzschläge, meine Beinhaut ist eine einzige Wunde, ein großes, wundes Loch, in dem sich Ameisen, Skorpione und Würmer tummeln, man spürt das kühle Pappen der Handflächen am Chrom eines Rollstuhls, fesselnd - wird nicht nur hier festgeschnallt - der Brechreiz, der Würgekoller der Gastroskopie, der Mastgans, der blutspritzende Schnitt des Skalpells umkreist von Vermummten, nachgebend weichende Haut, dann Quellen gelblicher Schwarte, rotes Klaffen, anderntags von Rectoskopen sodomisiert und die merkwürdigsten Nebenwirkungen des Medikaments, Ausschläge, Verfettung und Haarschwund, Deformationen zu sehen, Übelkeit, Sinnestäuschung und Magengeschwür, zu viel Müdigkeit ...

Die Behandlung im Gitterbett unter Neonröhren, betafelt zur Sekundenvisite, Therapie und Hektik vom Himmel hoch, Nummern, welche überschatten, auf Formblättern, in Mappen, die geheim bleiben. Ein Verwaltungsproblem für manche und einzusparen, faules Fleisch oder Versuchsobjekt, eingespannt im gestrengen Rhythmus der Sachzwänge, welche vorherrschen, Pläne, welche Unzeiten bevorzugen, Rituale natürlich auch wie in jedem codierten Topos des Sozialen und um jeden Preis.

Angst daneben, vor Verwechslungen, die vorkommen, Mißgriff und Dementi, alles Lüge, oder Fehler, weil jemand schlecht geschlafen hat.

Die Handhabung, das scheints überflüssige, scheints notwendig erniedrigende Begafftwerden durch Fremde haufenweise, Unbekannte im Einheitsdress, Truppen von Freunden und Helfern, Zielpunkt zu werden der wachsamen Architektur, serielle Beobachtungen, Überwachungsstationen mit zentralen Glaskästen, geschlossene Infektionsabteilungen mit gepolsterten Türen, Hygieneschleusen und Riemen ruhigzustellen - keine Kammeroper, ein Augennetz und Ohren des Dionysius, belauschend, abhörend, für alle Fälle - Schamgefühl und Rechtsperson sind bitte beim Portier abzugeben, unten bei der Aufnahme, am Eingang neben den matt geschliffenen Flügeltüren - Studenten dann im Gefolge, zehn, zwanzig, hundert, die eins wie das andere dein Geschlechtsteil anstarren unter dem begründeten Vorwand fachlichen Interesses, so etwas gäbe es selten zu sehen, körperlose Spanner, dachte ich mir, war überrumpelt, entblößt zur Schau gestellt, als kurioses Sexualtier einer fakultativen Peepshow, schloß meine Augen vor dem bestürzenden Gleichklang, der Nacktheit im Polizeiverhör, zwecks Brechung mitten durch, der Nacktheit in Folterkammer, demselben und Anschluß von Krokodilklemmen am Genital zur Befragung unter Strom, der Nacktheit vor Herrenmenschen, Schutzhaft und Zyklon-B - hier unterschreiben, alles hat seine Ordnung.

Zehn, zwanzig, hundert, die eins ums andere dein Geschlechtsteil anfassen um zu betasten, angreifen um zu begreifen, wie grenzenlos die Verfügung, daß sie es lernen, darum gehe es wohl, was lernen, das Befummeln, als ich aus der Kurznarkose erwachte, benebelt, wehrlos, überrannt, eine Bande von Notzüchtlern, Tätlichkeiten lernen, die standesbewußte Attacke und das Ethos des Berufs und eben die Handhabung, die Praxis, oft betont und bestimmend für sie, in ihren Startlöchern aus Skripten, Knochen und Examen.

Dreck, was Patienten wert sind, würde man meinen, ginge es hier um Personen - du und ich und unsere Pässe - Menschenmaterial wie gesagt wurde, aber Irrtum, Krankheitsträger sind das, Transportmittel eines medizinischen Inhalts, unscharf hinter einem Leiden, das ihre Bedeutung wurde, ausschließlichen Sinn ausmacht hier im Krankenhaus, fahle Schemen, namenlose Anatomien, mit Buntstift und Leuchtfarbe dort markiert, wo ihr Zweck nunmehr steckt, im pathologischen Brennpunkt, eigentlich nicht hier, wie ich mich verstehe, und doch hier als Restmensch reduzierter Organismus auf dem Schachbrett der Nosologie.

Den Moment zerfallend, von einem Halbwertsgefühl zur Windrose versprengt, spüre man das Wundscheuern des Rückens auf den Linnen des Totenbetts, die willfährige Trägheit einer neurochirurgischen Hirschtalgleiche in den schlaffen Gliedern, im kahlgeschorenen Schädel, im Idiotenantlitz der hängenden Lippen und der faulige Geruch, wie Dunst im abgedunkelten Raum stehend. Die falschen Freundlichkeiten der Überlebenden, Besuche, die nicht erspart bleiben, und ihr schlechtes Gewissen, stinkender als deiner Leibschüssel grüner Schleim, die hinterlistigen Schonungen, die berechnende Rücksichtnahme allerseits gegen dich, den Sterbenden, dem man es ansieht, wie sie einander zuflüstern, was du hören kannst, weil sie laut sprechen, dich taub denken, Moribund, letzter Name, den du trägst. Während des Ausklingens die windelweiche Abhängigkeit von Fütterungen und periodischem Piepsen und Blinken und Tropfen und Keuchen einer vitalen Maschinerie, meiner digitalen Organe um mich versammelt, ein Freundeskreis an mich gekoppelt, gehören sie jetzt dazu gleich dritten Zähnen, einem Holzbein oder der Armbanduhr. Und man spürt das Ziehen und Sehnen des Nicht-gehen-wollens angesichts des Gehen-müssens, flau, sehr flau, sagst du, Betrug, wer hätte das gedacht?

So im Sog, im Strudel hinab an die Wand gespielt, der Grenze entgegen, gerät eins an den Scheidepunkt, wie sich verhalten, was sagen, was tun, jetzt, wo noch Zeit ist, in dieser Situation, einem Sprechzimmer voll schlafender Tatsachen und zwei Charaktere, deren einer am Zug sich frägt, was um Gottes Willen?

Ob sich der rettenden Hand ergeben, bedingungslos kapitulieren vor der Chimäre, die brüllt, fügsam dann und mit allem, allem einverstanden retten lassen, was da noch zu retten ist, dankbar demütig hoffend oder mindestens in schweigendem Respekt vertrauend, wie es sich allemal gehört, seit Vertrauen Basis ist und bleibt, eine repräsentative Grundlage, aus dem weißen Armel geschüttelt, und nicht belästigen bei der Arbeit mit Unwissenheit oder Unverständnis, den Dummen spielen an der Rampe, der man auch gerne wäre, manchmal, um wie nebenbei die gelobte Sicherheit der Unkenntnis zu wahren, blindfüßig durch die Sümpfe, dem Glück auf den Fersen, den Dummen spielen in der Kulisse, der man auch sein soll, schon wegen des Vorrangs der Arie des Protagonisten, einer Distanz zum Chor, dieser Masse - dazwischen das paradoxe Rätsel des Morbusdeutsch, Hohlräume überbrückend und versiegelnd, ein Bollwerk vor der Rückseite des Spiegels, dicht halten, Front machend seiner Autorität, die so heißt - den Dummen spielen im Lichtkegel, der nicht ins Handwerk pfuscht, kein Störenfried zum eigenen Schaden, sondern unschuldig blöde, was jedenfalls weniger schmerzt.

Ob sich doch stellen der Herausforderung, fast ein Fehdehandschuh, sich aufraffen zu jenem ein wenig egalisierenden, Herr Doktor, sagen Sie mir die Wahrheit, ich will es wissen, wie steht es um mich, wie sieht es aus, was ist es, nennen Sie das Kind beim Namen, ich kann es ertragen, ich rechne damit und das Risiko eingehen, erst recht nichts zu erfahren als das übliche Gewäsch (so gut wie alles), das Risiko eines Freispruchs, der ein Irrtum sein kann, daß alles wieder werde und nicht wird, oder die Voraussage einer Talfahrt, mein Todesurteil, an deren Ende nur noch das Ende ist, plötzlich absehbar, ein Countdown ins schwarze Loch, von dem man immer weiß und nie wissen will, als sei Ableben ausschließlich anderer Leute Schicksal, alter Leute, kranker Leute, fremder Leute, nie aber die eigene Person betreffend (sterben sei eben noch vorstellbar, tot zu sein jedoch scheine völlig abwegig). Kein Später mehr, das der Gegenwart Ausrede sein könnte, kein Wenn, das den Aufschub so lange gerechtfertigt hat, kein Einmal, um davon zu träumen, Mist, Jahre verschlafen, soweit du dich erinnerst, dann abschnappen ohne aufzuwachen (vorher, für die Süßigkeiten!). Stille Ruhe Frieden vielleicht, vielleicht Hölle, ich glaube, der liebe Gott wird sich kümmern, seine Kompetenz, seine Verantwortung, sein Service bitte, wozu war ich denn Christ? Oder lauern die verschiedenen Priester wirklich in der Nähe der Ausgänge?

Ob sich sofort zur Wehr setzen, sich sträuben gegen einen drohenden Befund, opponieren gegen diesen Angriff auf deine Gesundheit (eine andere, als Sie meinen), wegwischen mit der Linken und auf Selbsteinschätzung pochen, daß ich mich sehr wohl fühle, nie wohler gefühlt habe als in diesem Augenblick, gleichgültig, was Sie da entdeckt zu haben glauben, in Ihren Glasröhrchen, an Ihren Glasstäbchen, auf Ihren Glasplättchen. Blutbild, wie? Aquarell oder in Öl, Sie Sonntagsmaler, daß ich nicht lache, hahaha! Auch wenn sich niemand mehr richtig wohl fühlen sollte unter dem so ernst wie kritischen, huldvoll und bedauernden Ausdruck des Arztes, tss tss tss, was haben wir denn da, weil Plural allgemeiner tönt, Mehrheit und gemeinsame Sache andeutet, auch Selbstgespräch, das stattfindet, sobald Institutionen dröhnend zu murmeln beginnen und die ganze Medizin vor den Vorhang tritt.

"Unsere Verfassung ist nicht die beste."

Wir sind nicht mehr zwanzig, was für beide gilt, den Arzt wie den Offizial davor, Ossip, der selbst gut genug wußte, daß ich mich nicht wohl fühle, unwohl, nicht kränklich, nicht schwach oder ähnlich, als Kind schon robust, stämmig, wie die Bilder erzählen, die paar, sieben insgesamt, wenn er sie betrachtete, immer das erste unter den dünnen Stapel schiebend nach einigen Sekunden, pausbäckig, vierschrötig beinahe im Verhältnis, im Vergleich zu jenen Gleichaltrigen, mit welchen er Kopf an Kopf Reihen formierte, der Angekreuzte - Ich - ein gesundes Bürschchen, Kartoffeln, sehr viel Kartoffeln, Gemüse jahreszeitlich aus Kostengründen, reichlich Kohlehydrat, Nudeln und Reis abwechselnd, Schwarzbrot! Vitamine selbstverständlich, täglich Suppen aus Resten des Vortags, in breite Scheiben geschnittene Sellerieknollen, Rindfleisch gekocht, zweimal wöchentlich, Aufbaustoffe, Eiweiß, Milch, morgens warm mit Haut, sonntags Schnitzel, feiertags Huhn gebraten.

Kugelrund und gesund, wie alle sagten, dir später sagten, so sei es gewesen.

Ein Lebensabschnitt, den ich zu vergessen suchte. Es war Gewohnheit und Auftrag, die Ereignisse des Tages vor dem Einschlafen Revue passieren zu lassen, Gewissenserforschung die man dir beigebracht hatte. Mit offenen Augen lag er im unruhigen Dunkel des Schlafsaals, im Innern eines großen, schlummernden Tiers, aus vielen, halboffenen Mündern warm atmend, vereinzelt Rascheln von Bettzeug und das Quietschen einer Holzlatte, machmal das schnelle Tappen kleiner, nackter Sohlen auf dem Steinboden oder gestöhnte Traumworte in der Leere. Geborgenheit beherrschte diese erste Stunde der Nachtruhe, wenn du an der Schwelle zur Unbeschwertheit, selbst schon losgelöst vom Kind, das litt und gehorchte, den vergangenen Tag in Ordnung brachtest, das Richtige ins rechte Licht rücken, eingebettet im sanft fließenden Geräuschnebel - der Wal, durch tiefe Wasser gleitend - eingehüllt im lauen Geruch der Aasfäule ruhender Menschenkörper, dem säuerlichen Mief ungewaschener Füße und getragener Kleidungsstücke, der süßlichen Ausdünstung von Erbrochenem und dem trockenen Geschmack der Lavendelbriefchen in den Kastenreihen, welche die Initialen von Generationen trugen.

Mit offenen Augen vor dem schwarzen Tonpapier meiner unerfüllten Wünsche, konnte ich mir alles so zeichnen, wie ich wollte, dann sein, was ich wollte, einäugiger Pirat mit wild gezaustem, langem Haar und zwei schweren Steinschloßpistolen in der bestickten Schärpe auf meinem windschnellen Freibeuterschiff unter der Flagge von Port of Spain, mit Bergen von Gold und Edelsteinen, glänzende Geschmeide und faustgroße bläuliche Perlen, Schätze genug um zweimal die Welt zu kaufen, versteckt auf einer tropischen Insel lianenverwucherter Schwüle und farbiger Papageienschreie in einer fabelhaften Felshöhle aus Schneckengängen und Krönungssälen, mit meiner eigenen Sonne aus flüssigem Silber darin. Ich wäre der sagenhafte, gefürchtete Korsar, hätte immer neu, immer siegreich eine Armada von Feinden niederzuringen und übervolle Handelsschoner aufzubringen, mit meiner Mannschaft treuer Gefolgsleute, todesmutige Gesellen mit Zahnlücken und Eisenhaken statt Händen. Oder abgebrühter Gangsterboß im Dickicht einer Millionenstadt, mit saloppem Trenchcoat und verwegenem Hut, Pomade im Haar und ein schmales Bärtchen auf der Oberlippe, Zigarre zwischen den Zähnen, Maschinenpistole im Geigenkasten, drei bullige Leibwächter und einen guten Anwalt, ständig im Kampf mit korrupten Polizisten und machthungrigen Konkurrenten, einen Fuß im Knast, einen im Sarg, einen an der Bar, einen am Spieltisch, König der Unterwelt, Fuchs im Hühnerstall, Hahn im Korb, vom Botenjungen über den Boxer zum Bürgermeister, graumeliert mit einer Villa im Grünen, und Präsident des Verschönerungsvereins, in Nadelstreifen mit einem Staatsorden geschmückt. Strahlender Kreuzritter hoch zu Roß, unbezwingbar im Turnier, mit blitzendem Langschwert Muselmanen in Stücke hauend und vom Papst in Privataudienz empfangen, oder Eroberer eines märchenhaften Indianerreichs mit riesigen Tempeln und blutrünstigen Bräuchen, die Eingeborenen mit meiner unwiderstehlichen Hand zu bändigen und zu bekehren, um eine beispiellose Kolonie, einen Staat perfekten Glücks unter meinem Diktat zu errichten. Einsamer Astronaut mit laserbestücktem, galaktischem Raumschiff auf interstellarer Reise durch endlos weite, ferne Sonnensysteme, begleitet von dienstbaren Robotern und einem braven Versuchshund, auf fremden Planeten unvorstellbarer Schönheit wie ein Gott empfangen und gehuldigt, immer weiter durch die Gefahren von Meteoritenschwärmen und Killersatelliten, vorbei an explodierenden Materiewolken, an schillernden Elementarnebeln, klug, stark und allein durchs All im Gesang der Pulsare. Oder stahlharter Söldner mit Leib und Seele, kugelfester Fallschirmjäger mit Handgranaten und Schnellfeuergewehr, Nahkampfausbildung und Messerwerfertricks, im Tarnanzug und einem Barett auf dem Bürstenschnitt, heldenhafter Einzelkampf gegen eine feige Überzahl, rücksichtsloser Dschungelkrieg gegen grausame Revoluzzer anderer Rasse, Menschenjagd vom Hubschrauber aus, Massaker mit Napalm, Dezimierung mit Gelbkreuz, Verhör mit Folter, Verstümmelung, Vergewaltigung, Vernichtung (oh ja) meine Jungs lieben ihre Eltern und ihr Vaterland, und außerdem sind sie wahre Schlächter!

Ein prächtiges Bürschchen, bodenständiger Typ von klein auf, erdverbunden und geschickt, eine praktische Veranlagung, Bauer demnach oder Handwerker oder Fließbandarbeiter, das soll es sein, eine beschlossene Sache, dachten alle, sagten sie später, allein die Art wie du Metallgegenstände angefaßt hast ...

Nicht kränklich, nicht niedergeschlagen, niemals wirklich deprimiert, Rückschläge bisweilen, Schwankungen des Temperaments bisweilen - Niedergeschlagenheit nie, ausgeschlossen. Unangenehm vielleicht, wie ich mich fühle, deine Unangenehmheit morgens, beim selbstgerichteten Frühstück seit Jahren, meine Unangenehmheit beim Blick in den Badezimmerspiegel, daß im Grunde nichts zu erwarten sei.

"Abschaffen", sagst du laut.

Beruhigend auch, daß nichts zu erwarten ist.

"Abschaffen", noch einmal.

Unangenehmheiten und Üblichkeiten, das tägliche Brot, mir so nahe, im Grunde dasselbe, beim Filterkaffee, besser, seit ich ihn selbst mache, funktional nur, leichter Antrieb des Herzens, Anregung der Muskeln, pur und schwarz, zielgerichtet.

"Guten Morgen Kaffee"
"Guten Morgen"
"Guten Morgen Ossip"
"Guten Morgen"

Lieblos ist kein Kriterium mehr, nicht mehr peng die Tasse klirr, so war es doch, genauso, weißt du nicht mehr? Schwappender Kaffee und braune Spritzer auf dem Hemd einmal, erinnerst du dich?

"Nicht die beste, unsere Verfassung, nein, wirklich nicht."

Ihn ärgerte das Nichtssagende, das Hohle, das Beschämende daneben und die Anspielung (Die Anspielung!). Ich kenne das Kommende, ahne wie gelesen, wiederholt gelesen, ein Deutliches, unüberhörbar in den Worten des Arztes. Fraglos ein Untersteller, sann er auf Abwehr, die kalte Schulter kann er haben.

"Ich bin nicht mehr zwanzig. Daß meine Verfassung nicht die beste sei, sagt mir nichts Neues, durchaus nicht. Dies festzustellen war ich selbst bereits in der Lage. Meiner Ansicht nach ist sie ausreichend. Das ließe sich anhand meiner Leistungen demonstrieren."

Ohne nun den gesenkten Blick von den Untersuchungsergebnissen zu heben, Seiten gefüllt mit Zahlenreihen, Kürzeln und Zeichenkolonnen, fast multiple choice, wäre nicht der Zufall eliminiert, von Hand gefüllte und ausgedruckte Testserien mit signifikanten Raten abgeglichen, Normschwellen, die sich am Rand des Möglichen erheben, es mit dem Machbaren versöhnen sollen, zum Nutzen der Gesellschaft im Namen des Mittelwerts, ohne Ossip mehr als einen raschen Augenaufschlag gespielter Entrüstung und angeekelten Erstaunens zu schenken, ein Zurechtweisen auf der Stelle, ich kenne das, die Präpotenz der höheren Dienstgrade, zum Kotzen. Leute, die sich auf die Statik von T-Stahlträgergerüsten und Fertigteilbetonhallen verstehen, reden frechlings über Immunsysteme als einem Klötzchenspiel oder vergleichen ein Epitheliom mit Taubenscheiße auf gotischen Kathedralen, Geschichtsbeflissene mit melancholischem Gemüt finden das Simple der Heilkunst in ihrer Gegenwärtigkeit, Greifbarkeit, dem Dasein, selbst Zeitgeschichte sei ja schon ein Wegsein, auch Gefasel für ein Bald, das zu befürchten ist, während die Gegenwart nicht als Punkt, nicht als Zerfasertes vorkommt, sondern als Furz, den keiner hört aus Anstand, zwischen Blähung und Gestank.

Die Historie war immer schneller, privat ein Galopp, kollektiv ein Absturz, bleibend sind Windigkeiten, Fragmente, Ahnungen, Fossiles, gefährdet bei Berührung zu zerfallen, Bruchstücke des Schönen, Tonscherben des Grauens, durcheinander und vereint, eben nicht Genauigkeit, exakterweise.

Solche, die ihr Leben vergeudet haben, Militär zu sein in der geistesarmen Quarantäne ihrer Kasernen hausend, an Ellbogen, Knien und Gesäß mit dem Stoff ihres Waffenrocks verwachsen, sie könnten nicht anders, als mit rot leuchtenden Augen unermüdlich den Ernstfall beschwören, auf den Notstand hoffen, auf den Einsatz. Denken in Tagesbefehl, Nachtwache und Feindbild, recht steif, halten Fleischwunden (Blutiges) und Kriegsversehrtheit (Manöverunfälle) für seriös - ein Soldat habe wie ein Soldat auszusehen - anderes sei Simulanz, Degeneration oder Hysterie, und es mache härter, was nicht umbringe. Idioten und Mörder in maßstabgetreu aufgepfropften Verordnungskübeln mit schmalen Sehschlitzen und viele große Kanonenrohre, bei deren Anblick sie seufzen und weich werden in ihrer Loyalität und auch sonst - die Fahne, sich jetzt zu schneuzen, Heimat - hinter der dünkelhaften Terminologie dümmlicher Abkürzungen, mythologischer Decknamen und Losungen aus Wald und Wiese als bis das Auge bricht trara, leb wohl, vergiß mein nicht trara, die einem bei Tisch plötzlich Ausfallsquoten zitieren, soundsoviele Abgänge, als habe man unterschlagen, einen gewissen Prozentsatz schlichterhand verschludert, dabei ist es doch umgekehrt gerade umgekehrt, eben daß der Abgang keine Illusion ist, die Medizin aber doch, Utopie gegen den Tod? Ersatzteilmontage und Wunderwässerchen? Wer ist man denn, der liebe Gott?

Sein sollte ich es, möchte auch, wollte, früher, es hätte sich gelohnt.

Der Versuch allein ist ein Dilettantismus, von vorneherein, ein unmoralischer Wechsel auf die Hoffnung, eigene wie fremde, eine konkrete Sauerei.


<- ->