Leute dann, wie der hier, die mitreden wollen können, eine Zumutung, eine Anmaßung, selbst kennt man die Grenzen, das reicht, pausenlos nur Grenzen, das reichte mir. Ich war klug genug, nie heilen zu wollen, suicidäres Anliegen, meine Damen und Herren, die Tätigkeit im Gesundheitswesen, das ganz anders heißen müßte, ist auf den Punkt gebracht Selbstmord. Vielleicht, daß der Besitz, die Bewohnung eines Körpers so manchen glauben macht, er besäße zwingend Einblick in ihn? Zellenansammlungen, die sich gebärden, daß ich nicht lache, aufmuckende Biochemie, renitente Synapsen, ein Drama der Unvernunft.

"So einfach ist es leider nicht, Offizial Ossip, bei weitem nicht! Hätten wir das denn gerne?"

Gerne? Als könne die Frage so gestellt werden. Hier doch nicht, diese Ungereimtheit, wenn überhaupt ... ist es eine Wahl?

"Im übrigen, Sie haben sich seit zwei Jahren keiner Diensttauglichkeitsüberprüfung unterzogen. Ihnen brauche ich wohl nicht zu sagen, daß dies absolut nicht den Vorschriften entspricht. Oder doch?"

Eben doch, tun wir - gerne.

Sintflutartiges ist zu beobachten, eine kleine Zoologie der Hasensprünge, bestochene Staatsanwälte und bestechliche Richter, Abstand halten - Luchs spritzt, das Männchen exakterweise - unterspült die Uferböschung, vor allem nach der Schneeschmelze.

Sieh an, wie er sich windet, der Ertappte, am Beginn der Delinquentenlaufbahn, diesen Ton versteht er besser, Ossiperling, und noch dreister, ja ja mein Lieber, was mache ich jetzt mit dir, du Kotklümpchen, dich etwas piesacken für das vorlaute Maul? Besteck liegt bereit, dies und das, Frechsein mag der Onkel Doktor nämlich nicht, Pädagokick nun, wenn es sein muß.

Eine leichte Blässe trat in Ossips Gesicht, von innen aufziehend, ein unmerkliches Zucken des rechten Mundwinkels, das sich über die Backe zum Ohr hin fortsetzte, noch keine Schluckbewegungen, noch kein Würgegriff - des ersten Grades, der Anblick der Instrumente, jedoch bist du kein Kind mehr und nicht über siebzig - aber die Kaumuskulatur angespannt, der Masseter zwischen Jochbogen und Unterkiefer, beidseitig, die Zähne aufeinandergepreßt, zusammenbeißen, um die Nervosität, das Flattern zu unterdrücken, nehme ich an, oder den Anschein von Härte geben? Verbissenheit als Zeichen für Charakterfestigkeit und dergleichen, visualisierte Zielstrebigkeit womöglich, einen darzustellen, der aufs Ganze geht. Stimmt's? Oder sieht's nur so aus? Eine Schmierenkomödie, stereotyp, borniert und lächerlich, hier vor mir, sicherlich eindrucksvoll gegenüber Untergebenen, Ankriechenden und Angekrochenen, bitte sehr, nehmen Sie Platz. Mienenspiel der Launen, man spare das Wort, könne auch nicht bei ihm genommen werden, erzeuge Verstörungen mittels passender Symbole, Metaphorisches, unwirsche Hände, wischend löschend weisend ein dumpfes Grunzen vom Magen her, gutturale Laute überhaupt, Metabolisches sei wirkungsvoll, auch er habe sein Repertoire.

Die gelungene Attacke, der Nierenhaken mitten durch die Deckung, seine restaurierte Überlegenheit, so wie er es gewohnt war, ließen den Arzt erneut lächeln, grinsen, gütig, meine Güte.

"Wir sehen wirklich nicht gut aus, zwanzig oder nicht. Das ist das eine! Die Untersuchungen sagen im großen und ganzen dasselbe. Leistung hin, Leistung her, übertreiben wir nicht, auch in Ihrem Interesse. Verantwortung, wenn Sie unbedingt wollen. Aber, Ossip, das beeindruckt mich wenig! Sie dürfen nicht vergessen, ich trage selbst Verantwortung, und nicht erst seit heute, sondern traditionell, das können Sie mir glauben!"

Gut so - Pause - und Peitsche, das Knallen zumindest, der Anblick!

"Querulanten allerdings haben es schwer bei mir, ich schätze sie nicht sonderlich, im Gegenteil. Sie sind doch kein Querulant Ossip, oder? Querulanz nämlich ist mir verhaßt. Lassen Sie sich das gesagt sein."

Gewarnt über Gebühr, des Arztes Großzug? Das wird dir zuviel, sagte sich Ossip, dieser Situation bist du nicht unbedingt gewachsen, nicht unbedingt - wollen schon, aber was nützt das? Ich habe die Konsequenzen aus meiner Fahrlässigkeit zu tragen, daß du zum Beispiel die Termine nicht wahrgenommen hast, daß du zum Beispiel deinen hauseigenen Aufforderungen nicht gehorcht hast, meine unzeitgemäßen Befehlsverweigerungen (du mußt) ich muß, ich muß unbedingt wollen, besteht denn ein Anderes?

Wissentlich im Vollbesitz, ich verschob, du verschobst Unverschiebbares. Willigkeit und Freiwilligkeit werden vorausgesetzt, Selbständigkeit der Selbstzucht, unsere Präambel, ich weiß Man kann keine Vorschrift verschieben, nicht ver, nicht auf, du schon gar nicht. Fristen günstigstenfalls, wenn eins bittet. Meinerseits würde ich dergleichen niemals bei niemandem dulden, erwarte daher keine Duldung. Eine prinzipielle Angelegenheit, eine Frage der Gerechtigkeit, der Gleichheit vor Ihr, blind wiegend, rücksichtslos wägend, jedweden nichtend, unterschiedslos - hoffentlich, kein, kain düsteres, trunkenes Orakel der Zufälle (die selbst Göttern auf die Nerven gehen), Lokalitäten etwa, Haarnadeln, Beistrichfehler, Magenverstimmungen oder Clownerie, Jahrmarkterei, Lüge, die Beachtung fände, sondern klares Wasser, tief, sautief, ein blankes Schwert, hoch das Wildbret, und Mühlsteine, graukörnig, dieses Abbild, mit Stricken am Hals.

Sich ins Unrecht setzen, sich aufs Spiel setzen, was ist in dich gefahren? Daß du vorgeladen werden mußtest zur DieTaÜbp, Formblatt m-257 Strich zwölf, wirksam ab Zustellung laut Ausführungsverordnung zum Zustellungsgesetz (lit.B ... bei Verweigerung der Annahme durch den Adressat so dieser leiblich angetroffen wurde oder die begründete Vermutung einer Anwesenheit geltend gemacht werden kann, hat der Postbedienstete dies an der dafür vorgesehenen Stelle auf dem Formblatt m-257 Strich zwölf zu vermerken, und es gilt sinngemäß lit.A) mitzubringen und persönlich hier zu erscheinen, baldigst wohlgemerkt, bei Strafandrohung, Sanktionen vor Augen, ein Panorama von Kürzungen, Zurückstellungen, Bußgelder und zwölf Vater Unser, etliche Rosenkränze mit diesen Bildchen an Kettchen am Hals - sogar Freistellung, die ultima ratio, in die Kälte, ein schreiendes Bündel, um diese Jahreszeit - Aufforderung, den Stuhl zur Verfügung zu stellen, meinen Stuhl ... das genügte, das zeigte mir klar, sofort, als ich mit klammen Fingern das Schreiben aus dem Umschlag zog und mit trockenen Lippen las, daß man auf deine Verfehlung aufmerksam geworden war, wie zu erwarten, daß man dein Versäumnis nicht tolerieren werde, in keinem Fall, wie es zu sein hat nach dem Legalitätsprinzip, Glaubwürdigkeit eben nach allen Seiten, deine eigene nicht zuletzt.

Die Dinge halten ihre Ordnung, links und rechts, eine relative Überschaubarkeit, das beruhigt! Du bist aus dem Rahmen, unbedingt aus den Fugen, hast den Anschluß verpaßt, irgendwie, seitdem schmerzhafte Interferenzen, die von meiner Gangart herrühren (als sei er nach einem Defekt der Navigationsorgane auf Grund gelaufen), Stöße aus dem Boden, die dich hätten wachrütteln sollen. Man nimmt sich meiner an, genaugenommen, tut für dich, das beruhigt! Ossip war einen Augenblick nahe, die Distanz zu überwinden, jenes zu erreichen, das ihm gläsern erschien oder wie durch ein Prisma zerfächert in monochrome Ballettszenen, da drüben, sie kümmern sich, um Ernährung, um Kleidung, Unterkunft und dein Chronometer ...

Trotzdem! Absurd! Trotzdem, es ist absurd! Dieses Büro, haargleich das Meine, die Abmessungen, auf den Millimeter, möchte er wetten, die Winkel ident, das Raumvolumen natürlich, Fensterseits Südost, Ambiente, ein Sprechzimmer, dieser Schreibtisch, der Meine, ebensogut könnte ich dahinter sitzen, gewohnterweise müßtest du dahinter sitzen, das wäre die Selbstverständlichkeit, das wäre normal.

Die reflektierenden Jalousien, ein ständiges Blenden der Augen im Rücken, dann, diesen Menschen, Arzt oder was auch immer, wie durchsichtig, wie aufgeblättert zur Lektüre vor mir dann, vor mir auf dem Parteienstuhl, jenes ausgeklügelte Hilfsmittel jeder erfolgreichen Untersuchung, möglichst unbequem, ohne Armlehnen, damit sich niemand lümmle, festgeschraubt im sicheren Abstand von anderthalb Metern, im Schnittpunkt der Blickfelder dreier Infrarotkameras, vorne links rechts, im Doppelkegel zweier Richtmikrophone, auf dem gefürchteten Parteienstuhl, ausgerüstet mit Gerätschaft zur Messung der Herztöne und Verdauungsgeräusche, mit Sensoren zur Bestimmung von Schweißabsonderung und Spannungsschwankungen der Haut, und versehen mit der Schnellschnallvorrichtung, deren Riemen sich völlig automatisch bei Eintritt von Affektzuständen um Brustkorb, Oberschenkel und Fußgelenke wickeln - eine notwendige Prophylaxe angesichts der bilateralen Verletzungsgefahr - zentriert und weidwund vor mir, gesetzt als meine Zielscheibe, vor mir auch sein Akt, ein Dossier bisweilen, der Bildschirm meines Terminals ergänzend, alle Daten zu meinen Händen, eine Sammlung getrockneter Winzigkeit, ein Museum von Telefongesprächen, Grenzübertritten, Weihnachtseinkäufen und Kuraufenthalten, Vermessenes, jede Regung des Individuums, ein panoptischer Katalog, ein ins Vollständige zielender Abdruck.

Endlich ist der Datenspender hinfällig, verschwunden zu Gunsten seines Profils im Großrechner, welches aussagekräftiger und vertrauenswürdiger, verschwunden somit die schmal gewordenen Grauzonen seiner Intimitäten seiner heimlichen Vorlieben, seiner latenten Mauselöcher und seiner unzähligen Sekunden ohne Zeuge oder Alibi, geschluckt mit Haut- und Haar-farbe vom Absolutismus des Speichers, ein anthropologischer Hardwarefrosch ohne biologische Referenz - so Ossip, der Administrator, augenzwinkernd.

Alles Wissenswerte vor mir, Mensch oder was, ihm Bekanntes, seinerseits Schätzbares und für ihn Berechenbares, aber, gewichtiger, Vergessenes, ein Erstaunen jedenfalls, ein Schleichendes gar, und schließlich, prägnant, Nie-Gewußtes, ein Torpedo wie das Unbewußte, ein Treffer im Heck, an der Ruderanlage, das kann den Rest geben.

Behaviorism von Amts wegen, einmal so immer gleich, das sei der Dreh, der Teppichtrick, schwups! Das Festnageln auf ableitbaren Wahrscheinlichkeiten einer beliebigen Lebensgeschichte, Stahlstifte, zwischen welchen Fäden gespannt, biographische Geometrie, das Konzentrieren von zehn, zwanzig, fünfzig, meinetwegen neunundneunzig Jahren in einem Punkt, in einer Taste, die nur noch gedrückt werden muß.

Jagen und Sammeln, grundsätzlich, ist die effektive Aufhebung der persönlichen Zeit, die Vernichtung schlichtweg der Einzelzeit, alles wird jetzt und sicher, dingfest, ein Faktum. Bescheid eben, wissen und geben, in jedem Schneckenhaus der Republik, rechtzeitig handeln demnach richtig handeln, Realpolitik auf dem Stand jenseits der Prozentpunkte und Prognosen, darum geht's, ums Ganze!

Ossiplaton der Ordnung, die nicht kann ohne Merkmale, die Staatsmerkwürdigkeiten - eingeebnet auf dem Niveau des Tauschwerts?

Ossiprop der Polis, die nicht ist ohne Demos, welcher verschwunden spurlos, schattenlos? Nach oben, unten, hinten oder (nur) parallel - such ihn -

Ossipoet der Simulationen, die greller dröhnen und weiter tun als ob, doch die Tribünen seien längst leer (das Referendum habe bei Nein/Aus geendet)?

Der Arzt vermutete spontan die Mentalverflüchtigung. Ihn wundere nichts mehr, zuviel gesehen, zuviel gehört - was war in diesem Raum nicht alles schon los gewesen - beginnt man mit allem zu rechnen, eigentlich rahmenlos angesichts einer Vielfalt, die es nicht geben dürfte, erfahrungsgemäß? Das sei so, daß die Raster nicht greifen, die Modelle immer zur Simplifizierung neigten, manche zur Diminution ...

"Versuchen Sie die Lage objektiv zu beurteilen, Offizial Ossip! Wir arbeiten hier völlig unabhängig, irgendwelche Einflußnahmen sind nicht möglich, aus gutem Grund nicht möglich."

Ein schelmisches Zwinkern gab er zurück.

"Bezüglich unserer Verantwortung verhält es sich ähnlich, wie Sie sich denken können. Ihrem Amtsleiter, der Sie angeblich sehr schätzen soll, zum Beispiel, schulden wir überhaupt keine Rechenschaft. Nicht die Spur, Sie verstehen? Er könnte Ihnen daher nicht unter die Arme greifen und auch sonst ... was ich sagen will, sich auf Hilfe zu verlassen, Hilfe von Außen, wenn Sie wollen, wäre ein Irrtum, eine falsche Hoffnung. Nicht schwerwiegend, doch Sie würden enttäuscht, Ossip, sehr bald. Das sollten Sie sich ersparen, sich und uns. Es würde die Angelegeneit nur verzögern, aufschieben, eine Frist günstigstenfalls, aber das wissen Sie ja ... sehen Sie, mein Lieber, hier bei uns, wie soll ich sagen ... liegen die Dinge in mancher Hinsicht besonders."

Einschränken erst und Grenzen ziehen, Linien durch die Ameisenstraße, euklidische Vorgaben, Figuren, die sich drehen und wenden lassen, Tanzschritte zur Musik!

"Und wir verfügen über die nötigen Mittel, unsere Erkenntnisse auch durchzusetzen. Sie können sich denken, wie wichtig das ist. Andernfalls wäre meine Tätigkeit in dieser Abteilung bestenfalls frustrierend, nicht wahr? So etwas würde sich auf die Leistung abträglich auswirken, die Effizienz verringern. Niemand, der etwas auf sich hält, würde in diesem Bereich eingesetzt werden wollen. Kompetente Kräfte würden sich anderweitig bewerben ... eine ruinöse Vorstellung, oder? Aber glücklicherweise ist es nicht so. Wir haben Wirkung, ja, die haben wir. Und daher hängt gerade in Ihrem Fall sehr viel von meinem Befund ab, können Sie mir folgen?"

Er konnte, das sah ich, der Demiurg - lächelnd.

"Nicht, daß ich Recht spreche, niemals, wir treffen hier keine Entscheidungen, dazu sind wir nicht befugt, ich empfehle lediglich, ich gebe eine endgültige Empfehlung, ein ausschlaggebendes Argument des Für oder des Wider. Verstanden!"

Jetzt ist er ganz klein, und schwitzt, ein nasses Spielzeug. Zur Tat also!

Der Arzt über sich, er sei durchaus kein Unmensch, keiner dieser Quäler ihres Gutdünkens, wie es sie gibt in der Gesundheitsüberwachung, die fanatischen Saubermänner der psychischen Hygiene, welche mit geladenen Spritzen durch die Städte streifen, Hyperrealisten womöglich? Außerdem, für die habe praktisch jeder einen Knacks, berufsbedingt, Nikotinkonsum als Geisteskrankheit etwa, lachhaft aber gesund, Alkoholismus meinetwegen, Horror der psychosozialen Sturmtruppen, andererseits ein ökonomischer Parameter, wie auch sonst der Drogenhandel - Kulturgut, Volksschädling, Gottesgabe - Produktpalette (da wären 1) Dimethyltryptamin 2) Lacrimae Christi 3) Hoffmannstropfen). Er nehme es ihnen nicht übel, Übereifer und Jagdfieber, das könne man ihm nicht vorwerfen, ihn treibe nichts, keine Sendung, keine Aufgabe, jedoch bin ich empfindlich, äußerst empfindlich, fast sensibel, was Überheblichkeiten anbelangt, Aufsässigkeit eines Patienten, Uneinsichtigkeit des Genasführten ... Renitenz eben, mein Reizwort!

Wer könne da schon ruhig bleiben, Haltung bewahren oder Respekt? Wer sich das gefallen lassen? Ha! Besserwisserei jedes Hergelaufenen, Eingelieferten, Eingewiesenen, Aberglaube und Quacksalberei, denen man Tür und Tor öffnet, logischerweise. Und Langatmigkeiten ...

Oft, wenn ich mich erinnere, oft genug hat man sich den Mund zu verbieten, kusch der Knebel, im Beisein eines Höhergestellten, eines Vorgesetzten, eines wie auch immer Einflußreichen, in der mittelbaren Nähe eines Gönners oder Gegners, dem man nicht gewachsen wäre. Auf der Hut zu sein ist die Tugend, und Protektion hat ihren Preis, man mache sich nichts vor.

("Er soll lernen zu schweigen, Unrecht schweigend zu ertragen" - so wandle der Knabe zum Mann)

Geboren zu sein in einer günstigen Konstellation, wo die Überbleibsel eines Erbrechts noch gelten, eine feudale Lösung, einheiraten oder der rechten Burschenschaft Mitläufer werden - Mensuren und Enkel, du wirst gezeichnet - eine passable Vorsorge, schließlich hochbegabt und zufällig, aufsteigend entsprechen, Partikel in einer Spirale. Allenfalls lügen und leugnen aus Überzeugung, das sei die Pragmatik, Schweigen ist Pflicht, mehrheitlich, außerhalb der Zeremonien, welche dich aufsagen lassen.

Das Schweigen des Guten Tons, der Vorteilnahme, der Gelehrigkeit, lohnt sich anderes? Das Schweigenmachen zwecks Setzung der Positionen (das sei man nebenbei dem Stand schuldig) und willens eines Unabdingbaren, des großen Felds der kleinen Doktoren, wo käme man hin?

Niemandsland, irgendwelche Leute (ohne beglaubigten Nachweis der Befähigung) sagen, was sie so denken, meinen noch dazu, was sie so sagen, einfach so, und keiner ginge dazwischen! Ungebunden Amok laufende Chiffren, Alles und Nichts bedeutend, kann ich mir ohne weiteres vorstellen, enthemmt bar jeder Norm, jeder Regel, nicht einmal Spiegelbildliches oder greifbare Antipoden oder erkennbare Analogien einer gemeinsamen Voraussetzung. Jeder Geist dann, Worte speiend, ein unerträglich eigenes System gesprengter Kontinuität, untereinander unvergleichbar vermutlich, einmalig und fremd von faszinierender Monstrosität, jedoch nicht länger dem Blick einer klärenden Pathogenese unterworfen. Das wäre unser Babylon, ein ambivalenter Hurenhaufen des Denkens, unser Berlin, mit Riß durch, wir nutzlos dazwischen, unser Brixton, Chaos der Wölfe uns mehr oder minder überholend, daß ein Reglement zur Pestbekämpfung Platz greifen müßte, eine Schließung der Grenzen, eine Teilung des Raums und etliche Verbote unter Androhung des Todes.

"Ja, Ossip, so sieht das nämlich aus. Wir ziehen am selben Strang. Sie haben begriffen? Den Versuch gemacht zu begreifen? Schön langsam."

Der Arzt griff sich von der Tischplatte Zigaretten und Feuerzeug. Er tat den ersten, tiefen Zug.

"Eigentlich gibt es ja nur eine Seite, nicht? Aber lassen wir das ... der Unterschied, mein Lieber, ich sehe das aus ihrem Akt, der Unterschied zwischen Ihnen und mir ist winzig, unter anderen Umständen zu vernachlässigen. Auf der Straße würden wir uns verwechseln, stellen Sie sich vor!"

Es gelang ihm nicht.

"Ich appelliere an Ihre Vernunft, von Mann zu Mann, unter Kollegen!"

Man könnte Spaß dabei haben, Frage und Antwort, ein intelligentes Spiel, wenn ich Meister sein dürfte, ansonsten ist der Monolog vorzuziehen, Sprechzimmer, eine Farce?

"Wie ist das mit Ihnen, Ossip? Sie nehmen regelmäßig, täglich vielleicht oder wöchentlich, Pharmazeutika zu sich? Tabletten und so, hm? Tun wir das?"

Die Frage war diesmal überflüssig, er wußte, wußte, daß er wußte, beide exakterweise, ich weiß! Die Antwort ist überflüssig, Fakten liegen vor, Beweismaterial ebenso positive Aussagen - eine Repetition also? Wo angeblich die Zeit eile? Das Losungswort mehr, ja, sich den formalen Gegebenheiten beugen? Einem Hut den Gruß entbieten?

Ossip beeilte sich zu bestätigen, das Numen zu nennen, geschwind, hastig, in der Tonlage schrill und der eines Kindes ähnlich fiepte seine Stimme die Parole, brachte sie eruptiv hervor, kotz dich aus, Kleiner, du mußt, dein Körper vorgebeugt. Artiges Ding, der Arzt wurde sicher, daß Ossip seine Funktion in dem Spiel begriffen habe, sie auch erfüllen würde (nach bestem Wissen und Gewissen richtig und vollständig). Ein Leichtes eben hinter dem Strich, der sogenannten Persönlichkeitsschwelle, für einen Offizial, dem es nicht neu sein konnte.

f(a,y) = Sa # sy wird jetzt zu f'(x,a) = S'x # s'a

"Ja? Gut!"

# sei schrägleich, folgern wir, daß f (#) f', Ss (#) Ss', schrägleich eine aemulatio bezeichnend, in etwa, und es gäbe einen Ich-Platz, einen Du-er-sie-es-Platz (aus der ossipschen Perspektive), eine asymmetrische Verteilung von Aktivitäten und Duldung - die Probe jedenfalls, dachte der Arzt, ist aufgegangen!

"Also dann!"

Er genoß eine längere Pause, um Ossip schamlos einer Musterung zu unterziehen - durch die Rauchschwaden, welche er ausstieß - gefahrlos auch vom Standpunkt des Preisrichters, der taxiert, abschätzt, wertet, was dran ist, drin ist, wie weit einer gehen können würde, wo die Grenzen liegen, gerade die Grenzen, Belastungsgrenzen, Toleranzgrenzen und Schmerzgrenzen natürlich.

"Also dann ..."


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