Zum Fragebogen: "Österreichisches Wörterbuch"
Um die empirische Basis der vorliegenden Arbeit zu verbreitern, nicht zuletzt aus der Befürchtung, daß das, was in (auch mehreren) Wörterbüchern stehen mag, nicht gebräuchliche Lexik der Sprachgemeinschaft, sondern textsortenbedingter Sonderwortschatz sein könnte, wurde ein Fragebogen zusammengestellt. Die daraus erwachsenen Ergebnisse und Schlußfolgerungen können und wollen keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben - jedoch dürfte sich im einen oder anderen Fall ein interessanter Aspekt hinsichtlich des Wortschatzes des österreichischen Deutsch ergeben.Der Fragebogen enthielt 399 Wörter, zu denen jeweils nach der Bekanntheit, dem schriftlichen und mündlichen Gebrauch, etwaiger Markiertheit und sonstigen Bemerkungen gefragt wurde. Folgender Text war ihm vorangestellt:
Fragebogen zum "Österreichischen Wörterbuch" In der Wortliste dieses Fragebogens sind Einträge aus dem "Österreichischen Wörterbuch" aufgeführt (fallweise mit Bedeutung oder grammatischen Angaben). Besonderes Interesse gilt der Frage, ob Sie diese Wörter kennen, ob Sie sie auch (mündlich oder schriftlich) verwenden und ob Sie sie als normal- bzw. standardsprachlich im Sinn einer weitgehend uneingeschränkten Verwendbarkeit in allen möglichen Situationen / Textsorten empfinden. Da Sie eine kompetente Sprecherin, ein kompetenter Sprecher des Deutschen sind, darf ich Sie bitten, keine Wörterbücher od. dgl. beim Ausfüllen des Fragebogens zu Rate zu ziehen. Sollte Ihre Neugier zu dem einen oder anderen Wort geweckt werden, überlasse ich Ihnen gerne eine Liste der Wörter mit den vollständigen Einträgen des "Österreichischen Wörterbuchs". Erläuterung Füllen Sie bitte die Spalten zu den einzelnen Wörtern folgendermaßen aus:
- 1. "bekannt": Wenn das Wort Ihnen (in der angeführten Bedeutung) bekannt ist, bitte "ja" ankreuzen.
- 2. "schriftlich": Wenn Sie das Wort in einem schriftlichen Text ohne besondere Stilanforderungen verwenden würden, bitte "ja" ankreuzen. Würden Sie das Wort zwar verwenden, es aber z.B. unter Anführungszeichen setzen, bitte "nein" ankreuzen.
- 3. "mündlich": Wenn Sie das Wort in einem Gespräch in relativ vertrauter Atmosphäre mit einem Gesprächspartner aus Ihrem angestammten Sprachraum verwenden würden, bitte "ja" ankreuzen.
- 4. "Markiertheit": Wenn Sie das Gefühl haben, das Wort ist nicht normal- bzw. standardsprachlich, versuchen Sie bitte seinen Stilcharakter entsprechend festzuhalten (z.B. "veraltet", "fachspr.", "dialektal" od. dgl.).
- 5. "Bemerkung": Hier können und sollen Sie Bemerkungen zu den einzelnen Wörtern machen (z.B. standardsprachliche Synonyme; abweichende Bedeutungen u.a.m.). (Retti 1991:103)
Die Auswahl der Wörter erfolgte nach mehreren Kriterien, welche sich an den Markierungen im ÖWB orientierten. So finden sich auf dem Fragebogen im ÖWB unmarkierte Einträge (z.B. Antlaßtag, Bedienerin, beiläufig), mit "*" gekennzeichnete Einträge ( z.B. Aprikose, Bulle, deftig), eine große Zahl regional markierter Einträge [...], ebenso wie regional unmarkierte, sprachebenenbezogen markierte Einträge (z.B. häuteln, Nickel, vermankelt, Wern) u. a. m. (Retti 1991:106)Von 35 verteilten Fragebögen wurden 31 ausgefüllt. Diese wurden vollständig ausgewertet.
Bei der Auswahl der Gewährspersonen wurde versucht, möglichst aus jedem österreichischen Bundesland, aus Südtirol und - zu Vergleichszwecken - aus Deutschland zumindest einen Probanden zu gewinnen. Dies gelang jedoch nicht vollständig. 16 Gewährspersonen stammen aus Tirol (fünf aus dem Tiroler Unterland, acht aus Innsbruck und drei aus dem Außerfern), drei aus Südtirol, vier aus Vorarlberg, jeweils zwei aus Salzburg und Bayern und je eine aus Kärnten, der Steiermark, Niederösterreich und Norddeutschland. Weder nach Alter, Bildung, Geschlecht oder Beruf wurde gefragt - diese Parameter hätten bei einer derart geringen Zahl von Gewährspersonen kaum sinnvoll berücksichtigt werden können. Die Möglichkeit, auf dem Fragebogen unter "Markiertheit" und "Bemerkung" Anmerkungen zu machen, wurde von den Gewährspersonen recht unterschiedlich genutzt (151 Markierungen in einem Fall, zwei in einem anderen sind die Grenzwerte). In diesem Zusammenhang muß auch darauf hingewiesen werden, daß möglicherweise die als Beispiele gedachten Markierungen im Einleitungstext des Fragebogens in manchen Fällen als Vorgaben aufgefaßt worden sein könnten. Diese Vermutung läßt zumindest die hohe Zahl der "dialektal"-Markierungen zu (832 von insgesamt 2059 vergebenen Markierungen). Konzentriert sich das Interesse jedoch auf die Frage, ob eine Gewährsperson ein bestimmtes Wort als standardsprachlich akzeptiert oder nicht, so ist jede Art von Markiertheit - neben der Angabe zum schriftlichen Gebrauch - hinsichtlich der Ablehnung des standardsprachlichen Status eines Worts aufschlußreich. (Retti 1991:110f.)399 Wörter in 31 Fragebögen ergibt zunächst 12.369 Datensätze. Die Erfassung und Auswertung der Daten erfolgte automationsgestützt. Hiebei war eine entsprechende Codierung eines Teils der Angaben der Gewährspersonen notwendig.
- Angaben zur Bekanntheit eines Worts:
- Die Antworten der Probanden wurden mit 1 (ja) und 2 (nein) verschlüsselt. War aus einer Bemerkung ersichtlich, daß eine andere als die im ÖWB gegebene Bedeutung des Worts vorlag, wurde 3 vergeben. Lag offensichtlich ein Verständnisproblem vor, was wieder nur aus einer Bemerkung erschlossen werden konnte (z.B. "Habe ich schon gehört, weiß aber nicht mehr, was es bedeutet."), wurde mit 4 codiert. Fehlende Angaben zur Bekanntheit wurden mit 0 verschlüsselt.
- Angaben zur schriftlichen Verwendung:
- Unter der Voraussetzung, daß das Wort bekannt ist (Bekanntheit = 1), wurden 1 (ja) und 2 (nein) vergeben. Einschränkungen hinsichtlich des Gebrauchs (in einer Bemerkung; z.B. "Schriftlich nur, wenn es stilistisch paßt.") wurden mit 3 codiert. Fehlende Angaben wurden wieder mit 0 verschlüsselt.
Zu jedem der 399 Wörter des Fragebogens gibt es 31 Datensätze (= Zahl der Gewährspersonen). Entsprechend den Codierungen ergeben sich für jedes dieser Wörter 13 Datenfelder (b1 = Bekanntheit "ja", daher 1; b2 = Bekanntheit "nein", daher 2 usw.; b3; b4; b0; s1 = schriftliche Verwendung "ja", daher 1 usw.; s2, s3, s0, m1 = mündliche Verwendung "ja", daher 1 usw.; m2; m3; m0), welche jeweils die Summen der Häufigkeiten der Fragebogendatensätze bezüglich Bekanntheit, schriftlichem und mündlichem Gebrauch enthalten. Daraus folgt, daß die Quersumme aller b-Werte (b1 bis b0) 31 (= Zahl der Gewährspersonen) sein muß. Die Quersumme der s-Werte (s1 bis s0) entspricht dem Wert von b1 (Bekanntheit = "ja"), da nur unter dieser Bedingung die Angaben zum schriftlichen Gebrauch aufgenommen wurden. Auch die Quersumme der m-Werte (m1 bis m0) entspricht dem Wert von b1.
- Angaben zum mündlichen Gebrauch:
- Wiederum unter der Voraussetzung, daß die Bekanntheit 1 war, wurden 1 (ja) und 2 (nein) vergeben. Einschränkungen hinsichtlich des Gebrauchs (in einer Bemerkung; z.B. "Nur unter Wiener Freunden.") wurden mit 3 verschlüsselt. Fehlende Angaben wurden mit 0 codiert.
Zum Beispiel:b1 b2 b3 b4 b0 s1 s2 s3 s0 m1 m2 m3 m0 kirre 11 13 5 2 0 3 8 0 0 5 6 0 0Zum Wort kirre gaben 11 Probanden an, es zu kennen (b1), 13 es nicht zu kennen (b2), in fünf Fällen war die angegebene Bedeutung eine andere als die des ÖWB (b3), in zwei lag eine Rezeptionsunsicherheit vor (b4). Null Gewährspersonen machten keine Angaben (b0). Schriftlich gebraucht wird kirre von drei Gewährspersonen (s1), von acht nicht (s2). Mündlich von fünf (m1), von sechs nicht (m2). Die Daten zur Markiertheit bzw. Bemerkungen zu einzelnen Wörtern des Fragebogens wurden nicht codiert, sondern wörtlich in die Datenbank übernommen, wobei für die Aufnahme der Markiertheit Voraussetzung war, daß die Bekanntheit 1, also "ja", war. Bemerkungen dagegen wurden in jedem Fall aufgenommen. (Retti 1991:112f.)
© 1991, 1995 Gregor Retti